Von hier aus kann ich deine Stadt sehen

 

« Zwischen Wach und Halbwach » un texte de Katharina Bihler (publié dans Kakadu n° d’octobre 2005) à propos de la série « Von hier aus kann ich deine Stadt sehen ».

Zwischen Wach und Halbwach, trägnachmittags beim Bummeln durch die Straßen, Augen weich und Lider halb, einem Gedankenzipfel nachhängend, der wer weiß wo seinen Anfang nahm – in einem Geräusch? einem Wort? einem Gesicht? – und nun als feiner, schlängelnder (umgekehrter) Ariadnefaden ins Labyrinth der eigenen Assoziationen führt, und auf dem Weg dies und jenes Weitere – Geräusch? Wort? Gesicht? – wachruft, während das Auge die Wahrnehmung der Umgebung gerade noch scharf genug stellt, um sicher über die Straße zu kommen – aber keinen Grad schärfer – und man sich dabei fast mehr auf den Gehörsinn verlässt, auf die Musik, welche hörbar wird, wenn sich die visuelle Wahrnehmung nicht an Einzelheiten aufhält sondern allgemeine Formen, Linien und Strukturen in den Vordergrund treten: Da beginnt die Straße eine Straße zu sein, die Kirche eine Kirche, die Stadt eine Stadt. Die Dinge werden ihr eigenes Bild, werden weit und schaffen Platz – nicht für die Details der Außenwelt sondern für jene der eigenen Erinnerung.

„Von hier aus kann ich deine Stadt sehen.“
Der Fotograf Pierre Metzinger wurde 1963 in Lothringen geboren. Vom Garten seines Hauses in Alsting, wo er mit seiner Familie lebt, kann er den Saarbrücker Stadtteil Eschberg sehen. Um unsere Stadt fotografierend zu sehen, ist er dann doch etwas näher herangekommen. Seit drei Jahren sucht er sich an menschenleeren Sonntagmorgen Positionen in Saarbrücken, von denen aus er die Stadt betrachtet. Ein Parkhaus, eine Straße, ein Firmengebäude, eine Unterführung sind unter den Motiven seiner aktuellen Ausstellung im Kulturfoyer. Keine Nostalgie, keine historischen Gebäude (was immer „historisch“ meinen mag) sondern Architektur von den 50er Jahren an ist sein Gegenstand, an welchem er untersucht, was von dieser Stadt bleibt, wenn kein Mensch, kein Verkehr, keine Bewegung die Orte belebt: Erinnert das Abgebildete an Saarbrücken oder könnte es genausogut irgendeine Stadt sein?

„Wie klar sind Erinnerungen?“
Die Fotografien sind in einer Weise aufgenommen „wie ich meine, dass sich Bilder im Gedächtnis einprägen: nicht ganz scharf, vielleicht etwas verwackelt, verblasste Farbe, oder gar schwarz-weiß.“
Pierre Metzinger benutzt abstrahierenden Schwarz-Weiß-Film und eine Lochkamera, um diese Vorstellung umzusetzen. Deren low-tech lässt viele direkte Einflüsse zu, die mit Stativ und Präzisionsobjektiv verloren gingen. Ein stecknadelgroßes Loch in einem Stück Blech ersetzt hier das Kameraobjektiv. Die exakte Größe dieses Lochs sowie der Abstand zwischen Loch und Film bestimmen die notwendige Belichtungszeit. Vor der Aufnahme wird diese für das spezielle Motiv, das herrschende Licht und die benutzte Kamera genau berechnet – während der Aufnahme wird sie einfach gezählt. Und Aufnahmen mit Lochkamera brauchen Zeit. Mitunter 60 Sekunden und mehr. Zählen, den Apparat ruhig halten, so ruhig das geht, ohne Stativ, mit den Händen halten, die Hände bleiben natürlich nicht ruhig, Hände bleiben nie ruhig, das gehört dazu, auch hört während des Fotografierens das Betrachten nicht auf, es bewegt die bewegliche Aufmerksamkeit kaum merklich die Kamera mit, und die so entstehende Unschärfe gehört ebenso dazu wie die leichte Ungenauigkeit der gezählten Belichtungszeit – beides bewirkt erst, dass die Konturen später nicht ins Auge schneiden, sondern durch Mehrdeutigkeit anregen. Sie führt dazu, dass Flächen und Ränder auch für die Bewegung der Gedanken des späteren Betrachters nachgiebig sind und Raum schaffen, den dieser im Betrachten wiederum füllt.
„Bilder entstehen.“
In einem Ausstellungsprojekt des vergangen Jahres wird diese Qualität von Pierre Metzingers Fotografie bereits deutlich (JANUS Klang-Raum-Installation / LGS 2004 Trier, gemeinsam mit Liquid Penguin). Er bringt Lochkamera-Fotografien von Blüten und Pflanzenstrukturen in den Fenstern eines sonst völlig abgedunkelten Raums an. Das Tageslicht fällt durch die weißen Blütenformen herein, und während das Auge sich zuerst an die Dunkelheit im Raum und dann an die gleißende Helligkeit der Bilder gewöhnt, lösen sich aus den weichen weißen Flächen und Linien von Coeur de Marie, Tulpe und Margerite langsam zarte, kostbare Skulpturen von unwahrscheinlicher Dreidimensionalität. Sie ent-stehen im wahrsten Sinne des Wortes vor den eigenen Augen, in den eigenen Augen.
Die Motive der Stadtbilder schaffen auf andere Weise ebenfalls Raum für Prozesse in Auge und Kopf des Betrachters. Es gibt keine ablenkenden Details, die uns zum Staunen bringen würden über die Präzision von Linse und Fotograf, und bei diesem Staunen bliebe es dann. Diese Bilder legen der Aufmerksamkeit keine Fesseln an; sie lenken die Aufmerksamkeit weich um auf die eigenen Gedanken, vielleicht weil sie der formalen Beschaffenheit unserer Erinnerungen so nahe kommen. Erinnerungen sind nach Pierres Beobachtung in relativ abstrakten und allgemeinen Bildern abgelegt. Erst der tatsächliche Vorgang des Erinnerns gibt ihnen Farbe und das Vergleichen mit Zurückliegendem führt immer wieder neue Details ins Bewusstsein. Das Bild selbst ist ein Rahmen oder Gitter, an dessen Sprossen Erinnerung kristallisieren kann.
Pierre Metzingers Zyklus „von hier aus kann ich deine Stadt sehen“ enthält keine in Unkenntlichkeit verschwimmenden Bilder, noch sind die Bilder von „bestechender Klarheit“, wie man so sagen würde. Die handwerklich brillianten Arbeiten sind von einer umfassenden Klarheit, da sie nicht unter Ausschluss sondern gerade unter Einbeziehung von Unwägbarkeiten entstehen. Sie fassen ähnliche Konturen zu allgemeineren zusammen, bewegen die Grenze zwischen spezifischem Abbild und abstrakter Struktur und machen sichtbar, mit welchen Formen wir uns in unseren Städten – oder speziell in unserer Stadt? – umgeben.

„Fast immer höre ich Musik in meinem Kopf, wenn ich fotografiere.“
Pierre Metzinger gehört der Saarbrücker „ini-art / Initiative für Musik-Kunst“ (www.ini-art.de) an. Seit vielen Jahren begleitet er deren Konzertveranstaltungen im Theater im Viertel fotografisch. Der Austausch und die inspirierende Zusammenarbeit mit den MusikerInnen in einzelnen Projekten hat auch auf seine weitere künstlerische Arbeit Einfluss genommen. Beim Fotografieren nicht nur das Auge, sondern auch das Gehör auf Aufnahme zu stellen, bringt mehr und mehr Bilder hervor, die auch mit offenen Ohren zu betrachten sind. Dröhnende Stille? Das Geräusch fehlender Automotoren? Ausgeblendete Schritte, die den Asphalt rhythmisieren? Leise Musik aus einem Kellerfenster? Es ist alles drin.

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